Richard Prince for Art President

Richard Prince New Portraits Photo by Rob McKeever Gagausian

Vor kurzem fragte mich eine Kommilitonin der Kunstgeschichte, wie ich denn zu Richard Prince und insbesondere seine Instagram Arbeiten stehe. Ich sei schließlich eine „Instagram Powernutzerin“ und poste ja selber „zeeeeeehn Millioooonen“ Selfies. Als Sahnehäubchen sei es ja „mega krass“, dass ich Appropriation-Art so sehr liebe. Ihrer Meinung nach sei das alles schlechte, billige Kunst und total skandalös, was sich Appropriation-Art-Künstler so erlauben. „Gestohlenes Eigentum ist das!“, sagte sie. Ich schaute sie fassungslos an, da mich a) ihre Engstirnigkeit als Kunsthistorikerin so überraschte und b) war ich einfach zu müde, um diese Diskussion zu führen. Also sagte ich ihr, dass wir eindeutig nicht einer Meinung seien und schickte ihr ein Link zu einem etwas älteren und vor allem seltenen Blogbeitrag von mir. Im Frühjahr war das Thema Richard Prince und seine auf Leinwand gezogenen Instagram-Screenshots der große Skandal in der Kunstwelt. Plötzlich wurden alle zu Kunstkenner und mussten ihren Senf dazu geben. Lange habe ich mich zurück gehalten nicht in diese Diskussion einzuspringen, aber irgendwann reichte es mir dann auch und ich tippte doch noch ein paar Zeilen zu dem Thema. Da die Diskussion für mich wieder so aktuell ist, dachte ich mir, ich teile mit euch meinen Text noch mal:

Richard Prince New Portraits Photo by Rob McKeever GagausianIRGENDWAS MIT RICHARD PRINCE, SCREENSHOTS, SHITSTORM UND DER FRAGE, OB SELFIES KUNST SIND.

Was mich seit Tagen beschäftigt? Das Halbwissen anderer Menschen. Jaja, ich weiß, mit Halbwissen kann jeder zu jeder Zeit glänzen und das wird sich auch niemals ändern. Nur plötzlich sprießen sie aus dem Erdboden und verteilen sich gefühlt schneller als das Licht. Gemeint sind die plötzlichen Kunstkenner die, die sich seit Geburt an kein Stück für Kunst interessieren, aber seit diversen Berichten über Richard Prince und seine “New Portraits” über alles Bescheid wissen. Eine Schande sei es, dass Prince einfach so Screenshots von Instagram-Bildern gemacht hat, diese groß auf Leinwand gezogen und dann auch noch für unglaubliche 90.000 $ verkauft hat – neunzigtausend Dollar, wirklich! Wie kann denn eine Leinwand mit ein bisschen Farbe denn so viel kosten und mein Kleinwagen ein ganzes Stück weniger? Ungeheuer ist das doch!

Für alle Kunstkenner mit Halbwissen, hier ein bisschen Kunstgeschichtsunterricht: Es gibt übrigens auch weit andere Kunstrichtungen als den ExpressionismusImpressionismusNaturalismusBarock, und so weiter. Neben all diesen Kunstrichtungen gibt es die Appropriation-ArtInternet Art und Post-Internet Art. Was das jetzt mit Richard Prince und seinen zu teuren Instagram-Bildern zu tun hat? Prince ist einer der Appropriation-Art-Künstler schlechthin, d.h. er eignet sich Werke anderer an. Ähnlich wie Sherrie Levine, die sich einer ganzen Fotoserie von Walker Evans annahm, diese abfotografierte und daraufhin ausstellte. Und erinnert ihr euch noch an den guten Marlboro-Mann? Diesen kopierte Richard Prince auch. Einfach so, copy + paste. Gab es einen Shitstorm? Nein. Gab es einen Shitstorm, weil Andy Warhol die gute Marilyn Monroe drucken ließ (Ja, wirklich drucken lassen. Warum auch sich die Finger schmutzig machen, wenn es die Mitarbeiter im Studio machen können. Eine Unterschrift drunter setzen muss langen. Moment, und dafür zahlt man Millionen? Ja, zahlt man und das ist auch völlig okay so.)? Nein.

Kunsthistorisch gesehen hat Prince etwas unglaublich Schlaues geschaffen. Prince hat es geschafft, Appropriation-Art auf eine neue Ebene zu heben und die ewige Frage nach “Sind Selfies Kunst?” geklärt.
Für mich ist klar: Das einfache Selfie, welches ich, du, er, sie, es posten gelten nicht als Kunst. Erst wenn man diese auf eine neue Ebene bringt, wie Prince es tat – und in diesem Falle reicht tatsächlich ein Screenshot auf einer Leinwand – lassen Selfies zu Kunstwerken werden. Sie erhalten dadurch die Aura, auf die Walter Benjamin hoch und heilig schwört.
Prince begibt sich mit seiner “New Portraits”-Serie auf die Schwelle zwischen Appropriation-Art und Post-Internet-Art; auch wenn Prince bestreitet, dass er Teil des Post-Internet-Art-Genres ist (leider gibt’s dieses Interview nicht online, sondern nur in der Printausgabe der Monopol). Er bedient sich einfach an neuen Materialien (hier: Instagram-Bildern), wie einst Warhol an Marilyns Portrait, und schafft etwas Neues. So simpel es auch erscheint, es ist Kunst.
Und wer mir hier erklären möchte, dass das keine Kunst sei, solle mir bitte auch erklären, was Kunst überhaupt sei (zur Hilfe dürft ihr auch das “Bottle Rack” von Marcel Duchamp aus dem Jahre 1914 nehmen).

Und wie rechtfertigt es jetzt, dass Prince einfach nicht nach den Rechten gefragt hat und dann noch so viel Geld dafür kassiert?
Jerry Saltz fasst es meiner Meinung nach sehr gut zusammen: “Der Mann ist ein berühmter Künstler Mitte Sechzig – wenn es jemand verdient hat, dann er. Und was den “Diebstahl fremder Bilder” angeht, so kann ich keinen Unterschied zwischen der künstlerischen Nutzung von fremden Instagram-Posts und der Verwendung irgendwelcher anderen Materialien erkennen.”

Die Preise auf dem Kunstmarkt sind übrigens selten wirklich gerechtfertigt, wenn man nur den Materiellenwert und den der Arbeitszeit rechnet. Aber genauso wenig ist der Preis eures iPhones gerecht. Ist so – und ja, ich liebe meine iPhone.

Letztendlich bleibt nur die Frage: Warum zur Hölle sind wir nicht selbst auf die Idee gekommen?!

 

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